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Die Selbstverletzungswelle reißt nicht ab…

Sind Radfahrer Autoaggressiv?

Man könnte fast den Eindruck haben. Denn nach Kleve gibt es einen neuen Fall einer Radfahrerin, die sich unter Zuhilfenahme eines LKW selbstverletzt hat.

Aus einer PM der Polizei Essen:
E-Stadtkern: Eine Radlerin verletzte sich Mittwochabend (14. September) bei einem Unfall in der Innenstadt schwer. Gegen 21:45 Uhr war ein Lkw-Fahrer auf der Hollestraße in Richtung Herkulesstraße unterwegs. An der Kreuzung Hollestraße/Steeler Straße wollte der 33-Jährige nach rechts in die Steeler Straße abbiegen. Auf dem Fußgängerüberweg der Rechtsabbiegerspur stieß der Herner mit einer radelnden 34-Jährigen zusammen. Die Essenerin zog sich bei dem Zusammenstoß schwere Verletzungen zu.

Liebe Polizei Essen:

Die Radfahrerin wurde verletzt als der LKW sie anfuhr. Dabei wurden ihr schwere Verletzungen zugefügt. Die von Euch gewählte Formulierung ist, wie das Beispiel aus Kleve, extrem PKW/LKW-freundlich, weil es den Eindruck macht, als sie die Radfahrerin doch irgendwie selbst schuld.

Tatsächlich läßt Eure Hergangsschilderung aber einen klassischen Abbiegefehler des LKW erahnen. Und schon von daher sollte bitte nicht der Eindruck erweckt werden, die Radfahrerin habe sich irgendwie selbst verletzt. Sie wurde verletzt. Simple as that.

Ob schuldhaft (z. B. durch Unachtsamkeit / Fahrlässigkeit) oder unschuldig (Abbiegefehler des LKW) spielt dabei nicht mal eine Rolle.

Wie man sich als Radfahrer halt selbst verletzt…

Manchmal fahre ich vom Büro aus durch den Duisburger Innenhafen und dort gibt es eine Kreuzung, die vorwiegend von LKW genutzt wird. Baulich eine Unfallstelle mit Ansage und gestern stand auf ein Mal ein Ghostbike dort:

14225395_178234772606925_6807045814049430128_nFalls Euch das nichts sagt: Die werden an Stellen aufgestellt, an denen Radfahrer ums Leben gekommen sind – als Mahnung und Warnung.

Sehr schön übrigens auf dem Bild auch zu erkennen ist der hervorragende Zustand der Radwege in Duisburg.

Worum es mir heute morgen aber geht, ist im Kontext des Ghostbikes auf meinem Heimweg folgende Pressemitteilung der Polizei aus Kleve:

Uedem (ots) – Am Donnerstag (1. September 2016) gegen 15.30 Uhr überquerte ein 15-jähriger Radfahrer aus Uedem von der Kervenheimer Straße aus Richtung Innenstadt die Straße Boxteler Bahn. Ein 56-jähriger Mann aus Uedem fuhr in einem LKW Mercedes auf der vorfahrtsberechtigten Straße Boxteler Bahn in Richtung Goch. Der LKW erfasste den Radfahrer im Kreuzungsbereich. Der 15-jährige verletzte sich bei dem Zusammenstoß schwer. Es besteht Lebensgefahr. Der Jugendliche wurde mit einem Rettungshubschrauber in eine Spezialklinik geflogen. Der LKW Fahrer blieb unverletzt. Die Staatsanwaltschaft Kleve beauftragte einen Sachverständigen mit der Erstellung eines Gutachtens. Die Unfallstelle ist zur Zeit noch gesperrt. Polizeibeamte leiten den Verkehr ab.

Zwei Dinge springen mich in dem Text an:

  1. Obwohl ein Sachverständiger beauftragt ist, weist man schon mal vorsichtshalber darauf hin, dass der LKW auf einer vorfahrtsberechtigten Straße gewesen sei.  Allerdings spricht man auch von einem Kreuzungsbereich. Auf dem Foto oben sind LKW die von links kommend in die vor mir liegende Stichstraße abbiegen übrigens auch auf einer vorfahrtsberechtigten Straße. Das hat genau gar nichts mit dem Unfall zu tun, impliziert aber schon mal „der wird schon irgendwie selbst schuld gewesen sein“.
  2. Obwohl hier ein Jugendlicher von einem LKW über- bzw. angefahren wurde, schreibt die Polizei, er hätte sich selbst verletzt. So als würde man sich einen rostigen Nagel ins Auge rammen. Natürlich darf auch die Erwähnung nicht fehlen, dass der Fahrzeugführer des LKW unverletzt geblieben ist. Nicht vorzustellen, dem wäre bei der Selbstverletzung des Jugendlichen auch was passiert.

Ich bin sicher, die Verfasserin oder der Verfasser der Pressemitteilung hat sich darüber überhaupt keine Gedanken gemacht. Das ist keine böse Absicht, dass solche Formulierungen passieren. Es ist Ausdruck unserer extrem auf PKW geprägten Welt, in der Fußgänger und Radfahrer unter allen Umständen auf eben die Rücksicht zu nehmen haben.

Im Falle des obigen Fotos hätte dann gestanden:

„Verletzte sich ein Mensch tödlich, als er im Kreuzungsbereich von einem auf der vorfahrtsberechtigten Straße verkehrenden Fahrzeug erfasst wurde. Der Fahrer des Kraftfahrzeugs blieb unverletzt.“